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x2mirko
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AW: traumlos & kalt
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01-03-2018, 09:36

Die These ist doch mehr oder weniger "Großen Teilen der in Foren für elektronische Musik präsentierten Musik fehlen klar ausformulierte musikalische Ideen". Ich stimme da vollkommen zu. Es ist meiner Meinung nach auch absolut nachvollziehbar, warum das so ist:

Wenn ich anfange, Klavier oder Flöte zu spielen, liegt es nahe, mich erstmal mit Melodie und Harmonie zu beschäftigen - das sind die beiden offensichtlichsten Stellschrauben, die ich habe, um das, was ich da produziere, zu verändern. Bei elektronischer Musik ist das anders. Da kann ich ein kurzes "Klick" aufnehmen und mich danach stundenlang damit beschäftigen, wie ich ein Delay einstellen kann, um nur aus diesem einen "Klick" einen Track zu bauen. Zum einen gibt es deutlich mehr Wege, interessante Musik zu produzieren, zum anderen gibt es deutlich mehr zu lernen (denn ich kann ja auch meinen Synthesizer genauso spielen wie ein Klavier, d.h. er umfasst das klassische Spektrum musikalischen Ausdrucks UND alles, was darüber hinaus geht). Das da der Fokus oft nicht oder erst deutlich später auf Musiktheorie fällt, finde ich durchaus nachvollziehbar.

Und es ist ja auch gar nicht unbedingt nötig. Es gibt ja "plötzlich" (wir kommen den 100 Jahren immer näher) viel mehr Dimensionen der Gestaltung von Klängen und Musik. Ich halte es für wenig sinnvoll, unter diesen Umständen daran festzuhalten, Musikalität ausschließlich anhand von Dingen wie einer eingängigen Melodie oder guten Stimmführung zu beurteilen. Musik kann mehr sein und die Sprache, die die klassische Musiktheorie uns gibt, hat leider nicht genug Ausdrucksstärke, um diese neuen Wege zu beschreiben.

Nicht ohne Grund haben sehr viele Komponisten des letzten Jahrhunderts (die teils durchaus sehr viel von klassischer Theorie verstanden) z.B. andere Formen der Notation verwendet. Denn wie lässt sich denn mit unserem Notensystem beschreiben, dass jetzt doch bitte dieser Ton einen aufwärts strebenden Halbkreis durch den Raum vollführen soll (siehe z.B. Xenakis' Stück Concret PH, das für ~360 Lautsprecher geschrieben wurde)? Produktionstechniken können als Gesten musikalischen Ausdrucks verwendet werden und man kann auch durchaus interessante Musik herstellen, die auf klassische Musiktheorie mehr oder weniger verzichtet und stattdessen nur durch solche Gesten gestaltet wird.

Das lässt sich auch auf Synthesizer übertragen und es gibt auch genügend Beispiele von Musik, die rein über musikalische Gesten auf Synthesizer-Parametern funktioniert und dabei klassische musikalische Ausdrucksformen außen vor lässt (oder zumindest nicht in den Fokus stellt) - Außer, man spricht ganzen Genres (wie etwa Drone-Musik) die Musikalität ab. Wenn man sich entscheided, das zu tun, sollte man sich allerdings fragen, ob man noch auf dem Stand der Zeit ist, oder ob man nicht vielleicht irgendwann von der Realität überholt wurde. Ich denke, das ist mehr oder weniger, worauf Verstaerker hinaus möchte.

Das ist aber kein Freifahrtschein: Auch diese "neuen" musikalischen Ausdrucksformen und Gesten können bewusst eingesetzt werden, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu lenken und den Fokus auf den wichtigen Elementen der Musik zu behalten. Das kann der Musiker gut oder schlecht machen und danach lässt sich durchaus ein Urteil bilden (auch, wenn das natürlich wie immer bei Musik nur ein Versuch ist, ein Geschmacksurteil so gut wie möglich objektiv zu untermauern). Bei sehr viel Musik, die man in solchen Foren hört, wird das schlecht oder gar nicht gemacht. Oft "plätschert" die Musik so vor sich hin. Ich denke, das ist der Hauptkritikpunkt, den Maltodextrino anführt. Die Tracks klingen irgendwie "richtig" (weil oft ja doch einige Grundsätze der Harmonielehre "eingehalten" werden), aber trotzdem vollkommen uninteressant und verleiten zum durchskippen. Sowas funktioniert oft gut als "Soundtrack" oder Musik für den Hintergrund, aber wenn man es mit herausragenden musikalischen Werken vergleicht, fehlt eben etwas.

Was fehlt, ist der bewusste und gezielte Einsatz der musikalischen Mittel. Genauso, wie ein Gitarrensolo uninteressant wird, wenn der Gitarrist nur so in der pentatonischen Tonleiter herumnudelt, ohne eine starke Melodie zu suchen und Akzente zu setzen, wird elektronische Musik schnell langweilig, wenn der Musiker keinen klaren musikalischen Gedanken formuliert (wobei "musikalisch" auch die oben genannten "neuen" Gesten miteinbezieht). Es ist in der elektronischen Musik deutlich einfacher, so etwas plätscherndes zu produzieren, weil dank Sequencern und Loops die Musik ja einfach so weiterläuft, wenn man sie nicht explizit abstellt, während z.B. ein Saxophonist eben weiterblasen muss, damit auch weiter ein Ton kommt und so vielleicht eher mal darüber nachdenkt, ob da wirklich noch was kommen muss oder nicht. Da fällt es deutlich leichter, einfach mal einige Elemente weiterlaufen zu lassen und noch etwas draufzuschichten, anstatt sich auf die wichtigen musikalischen Gesten zu konzentrieren. Ich denke, das wird jeder, der elektronische Musik macht, aus eigener Erfahrung bestätigen können - Man muss sich das erst einmal abtrainieren.

Und das höre ich tendenziell auch in der Musik von traumlos - Insofern verstehe ich schon, was Maltodextrino meint. Die Musik ist offensichtlich mit Liebe gemacht und sehr gut produziert, würde aber meiner Meinung nach davon profitieren, bewusster den Hörer an die Hand zu nehmen und durch das Stück zu leiten. Weniger ist da oftmals mehr. Ich würde allerdings nicht sagen, dass traumlos' Musik ein gutes Beispiel für dieses "Problem" ist - das ist schon Kritik auf eher höherem Niveau meiner Meinung nach.

Ich denke, das größte Problem an dieser Diskussion bisher ist, dass die Kritik von Maltodextrino eigentlich eher generell und weniger gezielt auf die Musik von traumlos gerichtet war und die Musik von traumlos eher als ein Anstoß für eine Diskussion genutzt wurde. Wenn man das nicht klar trennt, gibt es zu schnell verletzte Gefühle wegen als unfair wahrgenommenen Kritikpunkten. Und das Resultat ist, das man sich nicht mit der eigentlichen These auseinandersetzt, obwohl das eigentlich jedem Musiker nur gut tun kann. Ich weiß zumindest von mir, dass ich mich lange an diesem Thema reiben musste und das ich davon sehr viel gelernt habe. Es wäre ja schade, wenn die Diskussion hier aufgrund von zu vielen hineingemischten Emotionen einfach so versickert und am Ende alle nur denken, dass der andere eben keine Ahnung hat, wovon er redet. Vielleicht sollte man hier einen eigenen Thread heraustrennen?
 
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